Immanenter Schutz?

ILIAS beobachtet Open-Source-Patente abwartend

München/Köln, September 2007 - (von Bettina Deininger) Müssen sich Open-Source-Systeme mit Patenten schützen? Das Open Invention Network (OIN) will Linux mit einem Patentpool-Schutz vor Ansprüchen anderer Patentinhaber sichern. Unter den OIN-Mitgliedern, zu denen IBM, Oracle, NEC, Novell, Philips, Red Hat, Sony und seit August auch Google gehören, verpflichtet man sich, eigene Linux-Patente untereinander kostenlos zur Verfügung zu stellen und sie nur mit dem Einverständnis der Linux-Entwickler einzusetzen. Mit Matthias Kunkel, der das Open-Source-Lernmanagement-System ILIAS in Deutschland betreut, sprach CHECK.point eLearning unter anderem über dieses Thema.




Denkt die ILIAS-Community auch über Patentanträge nach?


Matthias Kunkel: Ernsthaft wird hierüber zur Zeit nicht nachgedacht. Vor gut einem Jahr hatten wir hierzu eine Diskussion im Zuge der Blackboard-Patentklage. Auch mit den Partnern im CampusSource-Netzwerk wurde hierüber eifrig diskutiert. Letztlich haben aber alle eigentlich erstmal eine eher abwartende Haltung eingenommen. Und auch nachdem das Thema Patente durch den Vorstoß von Google wieder Aufmerksamkeit erlangt hat, sind wir bei ILIAS doch eher abwartend.

Was hält die ILIAS-Community davon?


Matthias Kunkel: Am meisten beunruhigt uns beim Thema Patentschutz, dass es hier kleinen Projekten und Produkten schnell den Atem abschnüren kann, wenn es zu Klagen kommt. Gegen ein großes Softwareunternehmen mit einem Aufgebot an Anwälten könnten wir nur schwer bestehen.


So gesehen ist die Idee des OIN richtig, ebenso die Zusammensetzung des Konsortiums. Auch wenn es mir manchmal befremdlich erscheint, dass sich Google vor den Open-Source-Zug spannt. Denn solange Google noch aus ihrem Suchalgorythmus ein Staatsgeheimnis macht, solange bin ich noch nicht von der vollständigen Durchdringung des Unternehmens mit dem Open-Source-Gedanken überzeugt.

Ist der immanente Schutz der Open-Source-Idee nicht mehr wirksam?

Matthias Kunkel: Das wird der erste Prozess zeigen. Denn letztlich hängt es ja von der Entscheidung der Gerichte ab, ob dieses Konzept Bestand hat oder nicht. Und diese Entscheidungen werden immer national sein. Wenn also eine Entscheidung in den USA gegen ein Open-Source-Projekt gefällt wird, heißt das noch nicht, dass dies auch für uns in Europa gilt. Bis zum Beweis des Gegenteils halte ich den Schutz also für wirksam!

Sind diese Patente eine rein defensive Strategie, oder dienen sie auch der Einschränkung der Entfaltungsmöglichkeiten der Konkurrenz?


Matthias Kunkel: Betrachtet man sich die Blackboard-Klage, die sich ja gegen ein kommerzielles Produkt gerichtet hat, dann sieht es schon nach einem Einschränkungsversuch aus. Beim Engagement des OIN würde ich aber auch eine investitionssichernde Strategie unterstellen. Gerade mit Linux verdienen ja einige der beteiligten Firmen richtig gutes Geld. Dagegen ist der eLearning-Markt völlig zu vernachlässigen. Für eine Firma wie Novell wäre eine erfolgreiche Patentklage gegen einen wesentlichen Programmteil von SuSe-Linux verheerend. Da ist es doch nur selbstverständlich, dass Vorsorge getroffen wird.

Welche Rolle spielt Web 2.0 bei der aktuellen Weiterentwicklung bei ILIAS?


Matthias Kunkel: Web 2.0 ist sicher das Technologie-Thema des Jahres gewesen. Auch die Entwicklung von ILIAS wurde davon stark beeinflusst. Unsere aktuelle Version 3.8 hat zahlreiche Ideen und Anwendungen im Umfeld von Web 2.0 aufgegriffen und umgesetzt. Der Persönliche Schreibtisch von ILIAS ist jetzt eine persönlich konfigurierbare Informationsseite, auf die ich mir auch interne und externe Webfeeds legen kann. Google-Maps und Del.icio.us-Tagging werden systemweit unterstützt. Lehrende und Lernende können Podcasts anlegen und veröffentlichen. Für die nächsten ILIAS-Versionen sind darüber hinaus auch ILIAS-interne Folksonomies und die Erweiterung des ILIAS-eigenen Editors hin zu einem Wiki vorgesehen.


Andere Web 2.0-Prinzipien unterstützt ILIAS sowieso schon länger. Die Trennung von Content-erstellendem Dozenten und Content-konsumierendem Lerner haben wir vor über vier Jahren mit der Einführung von ILIAS 3 überwunden. Das Rechtesystem erlaubt es schon lange, dass Lerner auch Autoren sein können. Insofern ist für ILIAS nicht alles neu, was jetzt unter Web 2.0 firmiert.


Wie wichtig uns das Thema aber dennoch ist, zeigt auch das Programm der diesjährigen ILIAS-Konferenz in Bozen. Am 4. und 5. Oktober widmen sich gleich zwei Vorträge dem Web 2.0. Prof. Succi von der Uni Bozen beleuchtet das Thema aus der didaktischen Perspektive. Alexander Killing und ich werden dagegen die konkreten Einsatzmöglichkeiten von Web 2.0 in ILIAS demonstrieren.

Vielen Dank für das Gespräch.