Nachhaltiges Lernen mit eLearning-Comics
Hof, Februar 2026 - An der Hochschule Hof begegnet man Comic-Elementen heute vielerorts: in interaktiven Moodle-Modulen, Sicherheitsunterweisungen, im Design-Thinking-Kurs, in Tutorenschulungen oder im Begleitkurs Fertigungstechnik. Figuren wie Lisa, Udo, Pablo, Hanna oder Jamiro führen mit Sprechblasen, Humor und kleinen Spannungsbögen durch komplexe Inhalte. Was spielerisch wirkt, ist Teil eines didaktischen Konzepts, das Storytelling, Interaktion und Emotion gezielt für nachhaltiges Lernen nutzt. Marc Steeb, eLearning-Teacher und Designer im Projekt DigihyP, erzählt, wie es dazu kam.
"Als die erste Sprechblase auf dem Bildschirm auftauchte, lehnten sich die Studierenden nach vorne – nicht, weil sie mussten, sondern weil sie wissen wollten, was als Nächstes passiert. Seitdem gestalte ich eLearnings, die eher an Comics als an klassische Onlinekurse erinnern – mit Figuren, die erklären, hinterfragen und zum Schmunzeln bringen. Das verändert, wie wir an der Hochschule lernen."
Der Anfang
Die Idee war kein Comic, sondern sogenannte Short Sims – kurze, interaktive Lernsimulationen. Als kostenloses Tool bot sich H5P an, ein Framework, das sich nahtlos in Lernplattformen integriert und auch lokal ohne Moodle nutzbar ist. Wir folgten den Spuren von BeSu.Solutions, die für die Ingenieurwissenschaften zwei Kurse und drei Comicfiguren entworfen hatten: Lisa Branning, mürrische Produktentwicklerin, Udo van de Velde, Senior Projektingenieur, und Pablo Hernandez, Industriemeister, später Brandschutzbeauftragter. Sie leiten durch den Kurs und fordern Studierende zur Eingabe von Lösungen auf. Nach einer H5P-Schulung starteten wir mit Course Presentation – im Prinzip eine klickbare PowerPoint. Jede Folie wurde zum Comic-Panel, die Figuren erhielten Sprechblasen. Doch etwas fehlte noch.
Story und Charaktere
Es fehlte nicht die Story, sondern die Glaubwürdigkeit. Warum bittet Udo immer wieder um Hilfe? Unmerklich wurde er zu einer Figur, die Arbeit gern delegiert – aber sympathisch bleibt. Also erweiterten wir den Figurenpark um glaubwürdige Charaktere: Wir brauchten Studierende. Meine erste eigene Comicfigur war schließlich Jamiro Diaz: Ein Student mit Wuschelkopf und blau-beigem Kapuzenpulli. Sein Wesen entwickelte sich nach und nach: humorvoll, manchmal begriffsstutzig, aber mit Luft nach oben bei der Empathie. Bald folgte Hanna Hofmann, eine überaus strebsame Studentin. Ihre Persona lautete nüchtern: "sehr korrekt, ehrgeizig, tierlieb".
Studierende wiesen uns auf Unstimmigkeiten hin. Besonders Jamiro wirkte "immer traurig". Also passten wir Mimik, Wording und Usability an. Teilweise arbeiteten wir mit Branching Scenarios: Entscheidungen verändern den Storyverlauf, jeder Strang muss einzeln gestaltet werden.
Aber warum der Aufwand? "Ganz einfach: Geschichten bleiben besser im Kopf als Tabellen!", so Marc Steeb, Designer.
Lernen hat mit Emotion zu tun
Unser Gehirn speichert nicht per Knopfdruck. Lernen lebt von Wiederholung – und von Emotion. Ohne innere Beteiligung unterstützt das limbische System den Hippocampus kaum. Comicfiguren, die uns in Handlungen ziehen, zum Lachen oder Ärgern bringen, erzeugen genau diese Emotionen. Zugleich will unser Gehirn wissen, warum etwas wichtig ist. „Brauchen wir später“ reicht nicht. Deshalb verpackten wir komplexe Inhalte wie die Standzeitermittlung von Werkzeugen in eine Story: Udo prüft mit Hanna und Jamiro, ob ein teureres Werkzeug wirtschaftlich lohnt. Das „Warum“ wird konkret.
Storytelling
Entscheidend ist das fortlaufende Storytelling. Geschichten brauchen Fragen, Humor, Charaktere und Spannungsbögen. Teaser und Cliffhanger erhöhen die Motivation – wie Pablo, der im nächsten Modul den "Turbomodus im Gehirn" erklärt. Manche Kurse verweben mehrere Handlungsstränge: Während Hanna und Jamiro auf dem Weg nach Barcelona stranden, diskutiert Lisa in Hof das Kompetenzstufenmodell nach Bloom. Am Ende kreuzen sich die Stränge – inklusive Udos Wutausbruch, der im Museum per Lautsprecherdurchsage gedämpft wird.
Erzählen im Comic
Comics leben von Konversation: spontan, pointiert, mit Humor. Als Lisa im Rollenspiel die "faule Kontrolleurin" spielen soll, kontert Udo trocken – und streift nebenbei das Thema Gendergerechtigkeit. Comics sind komplexer, als ihr Ruf vermuten lässt. Sie verbinden Bild und Text zu einer eigenen Erzählform. Scott McCloud zeigt in "Comics richtig lesen", was zwischen Panels geschieht und wie Zeit dargestellt wird – und veränderte damit die Sicht auf das Medium.
Wo stehen wir?
Im Vergleich zu McCloud, Barks oder Hergé sind unsere Arbeiten einfache Versuche. Unser Ziel sind keine klassischen Comics, sondern Short Sims mit comicartigen Mitteln. Der technische Fortschritt hilft: 2025 konnten neue Figuren per KI generiert werden, vielfältiger und ausdrucksstärker als zuvor. Im Kurs “Moodle H5P” haben wir das auch dokumentiert.
Wir stehen nicht still – wir gehen weiter. Zehn neue Personas sind entstanden, darunter Chemiestudent Jamie Wolfram. Sein Motto gilt für alle, die eLearnings im Comicformat entwickeln: "Einfach machen. Perfekt wird’s später."


